Live-Stream-Ostern

Warum viele Live-Streams keinen österlichen Mehrwert schaffen

Bild von Ingo Kramarek auf Pixabay

In diesen Tagen vor Ostern – so habe ich den Eindruck -überschlagen sich die ‚Angebote‘ von Livestreaming-Gottesdiensten.

In manchen Kirchen wird sogar die gesamte Kar- und Osterliturgie als Livestream angeboten.

Die Gläubigen sollen so die Möglichkeit haben, die Kar- und Osterliturgie in der gewohnten Weise …
… ja, was denn eigentlich?
– anzusehen
– mit zu feiern
– zu verfolgen
– teilzunehmen
– …?

Am Klientel vorbei

Bei der Fülle der Live-Streaming-Angebote oder auch der Gottesdienste aus der Konserve (ob als Audio- oder Video-Produkt oder als Skript), scheint man gar nicht so recht vorher überlegt zu haben, warum man das eigentlich macht und was der Sinn sein soll?

Man geht einfach davon aus, dass die Menschen, die sonst zu diesen besonderen Gottesdiensten in die Kirche gegangen sind, nun einen Ersatz über diesen Weg erhalten.

Doch kaum jemand fragt nach den Grenzen dieses Angebotes. Es wird nicht darüber diskutiert, was das Angebot eben nicht leisten kann.
Es wird auch nicht gefragt, was die Menschen brauchen oder suchen in diesen Tagen?

Es läuft so bisschen nach der Methode: „Friss – oder stirb!“

Und ich habe die echte Sorgen, dass manche das zweite Schicksal ereilen wird. Denn Livestreaming-Gottesdienste werden niemals das bieten, was die persönliche Teilnahme erreichen kann.


Es werden deshalb manche den geistlichen Tod sterben, weil sie spirituell verhungern werden!

Wir müssen also auch danach fragen, wie wir damit umgehen, was die Menschen eben nicht bekommen, was ihnen durch Live-Streaming versagt bleiben wird?
Welche Lücke, welche Leere wird zurück bleiben und wie können wir helfen, diese Leere zu füllen?

Vom Stocken und Fliessen

Das Wort „streaming“ ist englisch und heißt eigentlich „strömen“, „fließen“.
Gute Begriffe, die man eigentlich im Kontext mit Liturgie setzen kann, denn da strömt und fließt optimalerweise etwas, was wir als gläubige ChristInnen mit ‚Heil‘, ‚Segen‘ oder gar ‚Gnade‘ bezeichnen.

Doch die Adaptionsfähigkeit der Menschen heute ist dabei an gewohnten Bedingungen gebunden, wie Orte, Gemeinschaft, Musik und Texte, rituelle Handlungen, … und vieles andere mehr.

All das kann und wird ein Live-Stream eines Gottesdienstes nicht leisten!

Dazu kommt noch das ‚Kirchturm‘-Denken:
einzelne Gemeinden oder Pfarreien meinen, für ihren je eigenen Bereich ein Livestream anbieten zu müssen.

Da bietet man einen Livestream in der Pfarrkirche an, obwohl man weiß, dass für viele noch immer die eigenen Gemeindegrenzen gelten.
Da schafft der Gottesdienst aus der Pfarrkirche auch nicht das gewohnte „Wir“-Gefühl.

Anstatt zu fließen, stocken wir fest in terretorialem kleinbürgerlichem Kirchturmdenken!

Think big!

Wenn dem aber so ist, frage ich mich, warum man dann nicht den Mut hat(te), größer zu denken?
Wenn wir also schon wissen, dass wir die Gemeinschaftserfahrung vor Ort in diesem Jahr an unseren Gottesdienstorten und in unseren Kirchen nicht haben werden, warum haben wir dann nicht das ‚große Gemeinsame‘ gesucht und vermittelt?

In diesen Tagen gibt es immer wieder gesellschaftliche Initiativen, die genau das versuchen:
– der abendliche Applaus für die Menschen, die in dieser Corona-Krise den Laden am Laufen halten oder
– gestern, Sonntag dem 5.4., das gemeinsame Anstimmen des Steiger-Liedes.

Die Menschen, die dabei mitmachen, kennen sich auch nicht untereinander, aber diese Aktionen sind so angelegt, dass man sich in diesem Augenblick mit einer größeren Gemeinschaft verbunden weiß, obwohl ich nur diejenigen hören kann, die maximal einige -zig Meter weiter von mir entfernt wohnen.

Das wäre auch die Chance für unsere Kirche gewesen!
Die KatholikInnen z.B. des Bistums Essen hätten z.B. die Gottesdienste aus der Bischofskirche zu den zentralen Gottesdiensten im Bistum Essen gemacht und sich als Ortskirche von Essen an diesem Osterfest und in der geistigen Verbindung mit dem ganzen Bistum den Live-Stream aus der Kathedral-Kirche angeschaut und sich so zu einer geistlichen Gemeinschaft verbinden können, unter der (liturgischen) Leitung unseres Bischofs.

Ich weiß auch, dass diese Form all das nicht ersetzen kann, was die Mitfeier vor Ort ermöglicht hätte.
Aber mit diesen zentralen diözesanen Gottesdiensten hätten wir einen neuen Aspekt in einer besonderen Krisenzeit legen können.

Mehr Mut zur Haus-Kirche in Krisenzeiten

Auch ein anderer Weg wäre denkbar gewesen: die Förderung des Gedankens der Haus-Kirche.

Wenn Menschen schon nicht in ihrer Gemeinde- oder Pfarrkirche zusammen kommen und Gottesdienst-GEMEINSCHAFT erfahren können, dann hätte man andere Gemeinschaftserfahrungen fördern können, die sicherlich auch nur Stückwerk im Vergleich zur klassischen Osterliturgie sein können.

Bild von congerdesign auf Pixabay

Ich denke da an Tisch-Gottesdienste in den Haushalten und Familien.
Viele Bistümer geben liturgische Hilfen für Gottesdienste in Haus und Familie heraus, auch für die Kar- und Osterfeiertage.
Diese Hilfen werden unterstützt, in dem die Menschen z.B. gesegnete Palmzweige oder auch Osterkerzen mit ins eigene Heim nehmen können.


Das wäre doch eine riesen Chance gewesen, die Menschen darin zu ermuntern und zu befähigen, in diesem Jahr ihre eigenen häuslichen und familiären Osterliturgien zu feiern!
Aber diese Chance wurde leidlich vertan, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Stattdessen unterminiert man diese Chance, in dem man wieder Live-Stream-Gottesdienste protegiert und damit vermittelt: das ‚richtige Ostern‘ feiert man schließlich nur, wenn man auch die traditionelle Osterliturgie in der Kirche verfolgt.


Damit wird faktisch die Wertschätzung häuslicher Osterliturgien in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie reduziert.

Für mich ist das ein Zeichen von Entmündigung und es ist eine Chance vertan worden!

Autor: G. Wittka

gebürtig aus Gelsenkirchen-Buer, lebe und arbeite ich nun in Oberhausen und bin dabei ein Kind des Ruhrgebiets geblieben. Ich bin Theologe und römisch-katholischer Priester. Meine Interessen: Politik, Lesen, Singen und Fotografieren. Die Reihenfolge ist beliebig!

Ein Gedanke zu „Live-Stream-Ostern“

  1. Auf diese Weise gibt es die Möglichkeit auch andere „gute“ Gottesdienste zu sehen, zu hören, mitzufeiern – Gottesdienste, die mich ansprechen, wo ich vorkomme. Es besteht die Möglichkeit sich mal verschiedene Predigten anzuhören… Eine einmalige Chance! So viele Gottesdienste wie in den letzten 3 Wochen habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Wo auch?

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