Nicht nur das Jenseits

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“ … Es ist mir doch egal, ob ich ewig lebe. Wenn es so kommt, ist es wunderbar – und ich glaube es ja auch. Aber das ist keine Bedingung für meinen Glauben. Näher sind mir in diesem Moment jene Psalmen, die vor dem Auferstehungsglauben angesiedelt sind. Wenn es heißt: „Ich will singen und spielen, mein Leben lang. Möge IHM mein Lied gefallen“ oder „Auch wenn ich sterbe, Gott bleibt mein Herzfels …“
(Arnold Stadler, * 1954, Schriftsteller, gefunden in: TE DEUM, Mai 2020, S. 268)

Als ich diese Worte las, war ich etwas irritiert; von diesem Schriftsteller, der in so wunderbarer Sprache Psalmübertragungen veröffentlicht hat: „Die Menschen lügen. Alle.“

Spontan hatte ich den Gedanken, er wolle unseren christlichen Auferstehungsglauben relativieren.
Aber eigentlich macht er genau das Gegenteil: er setzt noch was drauf auf unseren Auferstehungsglauben.

Arnold Stadler macht mir mit seinen Gedanken deutlich, dass christlicher Glaube eben nicht nur reine ‚Jenseitsvertröstung‘ ist.
Diese Haltung hat es – Gott sei es geklagt – viel zu lange in der kirchlichen Verkündigung gegeben.
Diese ‚Jenseitsvertröstung‘ hat Ungerechtigkeiten und Unterdrückung Tür und Tor geöffnet. Und damit hat sie gezeigt, dass reine ‚Jenseitsvertröstung‘ unchristlich ist.

Das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern ich beziehe mich dabei auf Jesus Christus und sein überliefertes Wirken.
ER hat die Menschen, die in Not waren, nicht allein auf das Jenseits verwiesen. Bei IHM finde ich solche Worte an Hilfesuchende wie: „Was willst du, das ich dir tue?“

Die zentrale Botschaft Jesu ist das Reich Gottes, das noch nicht vollendet, aber schon mitten unter uns angebrochen ist.

Daraus ziehe ich, dass mein christlicher Glaube schon im Hier und Jetzt sinnvoll und sinngebend sein muss.

Habe ich anfangs irritiert über die Worte von Arnold Stadler reagiert, zeigt er mir nach einem Augenblick des Nachdenkens, dass er gerade mit seinen Worten auf den ‚Mehr-Wert‘ des christlichen Glaubens hinweist, der uns schon jetzt in diesem Leben Sinn geben will.

Diesen Sinn fasst die Mystikerin Edith Stein in eines ihrer Gebete:

„Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen, leg‘ ich meinen Tag ich DEINE Hand.
Sei mein Heute, sei mein gläubig Morgen, sei mein Gestern – das ich überwand.
Frag‘ mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen; bin in DEINEM Mosaik ein Stein.
DU wirst mich an die rechte Stelle legen; DEINEM Willen bette ich mich ein.“

(hl. Edith Stein alias Sr. Benedicta a Cruce, Karmelitin)

Autor: G. Wittka

gebürtig aus Gelsenkirchen-Buer, lebe und arbeite ich nun in Oberhausen und bin dabei ein Kind des Ruhrgebiets geblieben. Ich bin Theologe und römisch-katholischer Priester. Meine Interessen: Politik, Lesen, Singen und Fotografieren. Die Reihenfolge ist beliebig!